Reisebricht Bolivien: Einführung

Reisebricht Bolivien: Einführung

Im Jahr 1998 lebte und arbeitete ich sechs Monate in einem bolivianischen Dorf an der chilenischen Grenze. Ich kartographierte die lokale Vegetation und führte Interviews mit den Dorfbewohnern, um herauszufinden, wie sie wirtschafteten, und mit welchen Projekten man ihnen helfen könnte.

Dieser Reisebricht liegt seit zwanzig Jahren auf verschiedenen Festplatten, die erste Version habe ich damals noch auf einer Floppydisk abgespeichert – jetzt soll er raus!

Wir waren zu zweit in Sajama, mein Studienkollege Georg war Soziologe und forschte ebenfalls für seine Masterarbeit. In den ersten Wochen begleiteten uns Angel und Pablo, die ich ein paar Monate früher in Ushaia, der südlichsten Stadt der Welt kennengelernt hatte. Wir waren drei Monate lang mit einem Borgward aus dem Jahr 1965 durch Chile gereist und dabei zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geworden.

Jetzt ging unsere gemeinsame Zeit zu Ende, Pablo wollte sich in Buenos Aires einen Job suchen, außerdem wartete dort ein Mädchen auf ihn. Und Angel mußte zurück nach Katalonien, um mit seinem Bruder den Buchladen seiner Familie durch die Touristensaison zu führen.

Aber vorher würden sie mich die ersten Wochen im bolivanischen Altiplano begleiten und mir den Anfang erleichtern.

An einem sonnigen Vormittag Ende Januar packen wir unsere Rucksäcke und einen umfangreichen Vorrat an Konserven, Toilettenpapier und Schokolade in den Kofferraum des Borgward und quälen uns die steile Stadtautobahn von La Paz nach El Alto hinauf. Die Luft hier oben ist dünn, La Paz ist die höchstgelegene Hauptstadt der Erde, aber im Lauf der letzten Wochen haben unsere Lungen sich schon ein wenig an die Höhe gewöhnt, und wir keuchten nicht mehr wie asthmatische Bulldoggen bei jedem Schritt.

La Paz Reisebericht
La Paz – Foto von Poswiecie from Pixabay

Von El Alto aus erscheint La Paz wie der Hufabdruck eines gewaltigen Pferdes. Im Süden liegen die Villen und Einkaufszentren der wohlhabenden Mittel- und Oberschicht, hier führen Dienstmädchen in Uniform kleine Hunde aus und die Häuser sind hinter hohen Mauern und Hecken versteckt. Im Zentrum liegt die Universität und um die Kirche San Francisco die historischen Viertel und der Hexenmarkt. An den steilen Hängen des Kessels, in dem die Stadt liegt, ziehen sich kleine Häuser und weiter nach oben immer kleinere Hütten und Baracken hinauf, die bei starken Regenfällen auch immer mal wieder weggespült werden.

Wir fuhren durch El Alto, die endlose Kette von kleinen Autowerkstätten, Bars und Lebensmittelläden dünnte sich immer mehr aus und schließlich ließen wir die Schwesterstadt von La Paz hinter uns. Wir fuhren über die Verbindungsstraße von La Paz zur chilenischen Grenze führte und deshalb relativ gut ausgebaut war. Trotzdem rumpelten wir immer wieder durch große Schlaglöcher – allzu schnell konnte man aber schon deshalb nicht fahren, weil neben den hoch bepackten Lastwagen, die Menschen und Waren in die Dörfer des Altiplanos transportierten, auch Fahrradfahrer, Ochsengespanne, Fußgänger und Schafherden über den löcherigen Asphalt zuckelten.

Wir fahren durch erdfarbene Dörfer, vorbei an Kartoffel- und Quinoafeldern, und langsam werden die Siedlungen und die bearbeiteten Flecken Erde immer kleiner. Die Straße schlängelt sich durch endlose, sanft geschwungene Ebenen, bewachsen mit stacheligen Grasbüscheln und kleinen Sträuchern.

Und dann macht die Straße eine Kurve und da liegt er vor uns, eine gewaltige graue Steinmasse mit einer schneebedeckten Kuppe: Der Sajama. Der Sajama ist mit 6542 m der höchste Berg Boliviens, sein fast perfekter Kegel ist aufgebaut aus hunderten von Lagen erkalteter Lava.

Der Sajama – Foto _ from Pixabay

Wir biegen von der internationalen Straße auf eine Staubpiste ab, halten an und steigen aus dem Auto. Die Luft riecht würzig und klar, und es ist ganz still, nur hin und wieder rumpelte ein Lastwagen auf der Straße Richtung Chile. Vor uns erstreckt sich eine weite Ebene, die rechts vom Sajama und links schon an der Grenze zum Nachbarland von den Zwillingsvulkanen Pomerape und Parinacota begrenzt wird.

Weiter geht es über die Erdpiste und nach 20 Minuten passieren wir das bunte, handgemalte Eingangschild zum Parque Nacional Sajama. Es steht im krassen Kontrast zu den niedrigen Häusern aus braunem Adobe, aus denen das Dorf Sajama besteht. Ungefähr vierzig dieser kleinen Häuschen scharen sich um die weiße Kirche, die in dieser Landschaft in Grau und Braun fast schon schmerzhaft schön gegen die tiefblauen Himmel absticht.

Wir melden uns im Büro des Nationalparks, wo wir die ersten Tage übernachten können. Es ist in einem Container untergebracht und neben der Krankenstation das einzige Gebäude, das nicht aus Adobe gebaut wurde. Hier wohnen wir die ersten Tage, Pablo und Angel in einem Zimmer, ich im anderen, hier ist man auf Gastforscher und Studenten eingestellt.

Es gibt (wie im ganzen Dorf) weder Strom noch fließend Wasser, aber mit unserem Campingkocher und einem großen Vorrat an Kerzen sind wir ganz gut ausgestattet. Eines der Gemeinschaftsklos, die das Dorf vor ein paar Jahren mit Geldern einer internationalen Hilfsorganisation, liegt etwa 150 m Richtung Monte Sajama und Wasser kann man an einer Pumpe in der Dorfmitte holen.

Das es hier Dorfklos gibt, ist ein Segen, in dem kleinen Ort Tambo Quemado an der chilenischen Grenze, in dem wir auf unserer Fahrt von Chile nach Bolivien eine Nacht verbracht haben, gibt es diesen Luxus nicht und der Hang hinter dem Dorf ist übersät mit kleinen Häufchen, die zusammen mit dem vom Wind verwehten Plastiktüten und anderem Abfall eine unschöne Melange bilden…

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