La Paz: Flucht in die Zivilisation

La Paz: Flucht in die Zivilisation

Alle drei oder vier Wochen wird der Wunsch nach einer heißen Dusche und ein wenig Komfort in uns übermächtig. Wir packen die schmutzige Wäsche ins Auto und machen uns auf den Weg nach La Paz.

Wir haben ein freundliches sauberes Hotel mitten im alten Stadtkern etwas oberhalb der Kirche San Francisco gefunden, es liegt einigermaßen ruhig und doch zentral. Die Plaza San Francisco markiert die Grenze zwischen dem indianischen und dem europäischen Teil der Stadt. Oberhalb der Kirche werden die Häuser immer kleiner und bescheidener, die Menschen kaufen auf den Straßenmärkten oder in den winzigen Läden ein. Je weiter man in den Canyon hinabsteigt, in den La Paz hineingebaut ist, desto größer werden die Häuser. In der Zona Sur, dem Viertel der Reichen ganz unten im Tal, gibt es Einkaufscenter, Supermärkte und Luxusboutiquen, hierher verirren sich die Cholas, wie die Frauen mit ihren ausladenden Röcken und dem Bowlerhut, die im Zentrum und in El Alto das Straßenbild bestimmen, höchstens, um in den Häusern der Reichen zu putzen.

Duschen, Restaurantbesuche, Kino, Einkaufen: jedes Mal überkommt uns die ersten Tage ein Rausch, der aber schnell wieder abebbt und bald schon sehnen wir uns zurück nach der Stille Sajamas.

Unser „Stadtprogramm“ sieht jedes Mal in etwa gleich aus. Wenn wir ankommen, duschen wir zunächst ausgiebig, gehen dann essen und ins Kino. Am nächsten Tag geht’s zur Casa de Cultura, einem Kulturzentrum, wo es Internet gibt und wir uns die Nachrichten von unseren Familien aus Europa abholen. Während ich in Sajama nie Heimweh habe oder mich fremd fühle, überkommt mich vor dem Computer in der Casa de Cultura hin und wieder die Sehnsucht nach Zuhause. Als ich eines Tages die Nachricht vorfinde, das ich Tante werde, kann ich die Tränen kaum unterdrücken. In diesen Momenten zähle ich die Tage, bis ich wieder nach Deutschland fliege. Zum Glück sind sie nicht allzu häufig! Für mich stehen dann meistens ein paar Termine auf dem Programm, ansonsten genießen wir die Stadt, erholen uns und schwelgen in all den Annehmlichkeiten, die wir in Sajama nicht haben. Am letzten Tag kaufen wir dann ein, Konserven, Obst und Gemüse, Brot, Käse, Kekse, das gute Olivenöl aus Spanien, die Liste ist endlos. Und dann haben wir meistens schon wieder Lust, nach Sajama zurückzukehren und dem quirligen, aber auch anstrengenden La Paz den Rücken zu kehren.

Fast immer ergibt sich bei diesen Besuchen auch ein Treffen mit Ernesto und seiner Familie. Wir sind zusammen zur Uni gegangen und ich bin froh, in La Paz einen guten Freund zu haben, der mir immer wieder Steine aus dem Weg räumt, uns in seinem Haus willkommen heißt und mir mit Rat und Tat zur Seite steht.

Ernesto ist Agraringeneur; intelligent und unglaublich liebenswürdig versteht er es, sofort überall Freunde zu finden. Dass er ein Arbeitstier ist, sieht man ihm nicht an, er wirkt auf den ersten Blick wie jemand, für den seine Freunde und Geselligkeit an erster Stelle stehen. Oft sitzt er dann nach einem Fest noch bis vier Uhr morgens über seinen Projekten. Maria, seine Frau ist etwas kleiner als er und sehr hübsch. Nachdem sie sich etwa zehn Jahre lang um die beiden Kinder gekümmert hat, ist sie jetzt gerade an die Uni zurückgekehrt, um ihr Studium abzuschließen. Ich bewundere sie dafür, wie sie es schafft, ihren Haushalt, die Kindererziehung und die Uni unter einen Hut zu bringen. Trotzdem hat sie immer Zeit, mir z.B. die besten Einkaufsquellen in La Paz zu zeigen oder mir sonst zu helfen. Die beiden haben zwei Kinder, Flavia, die schon genauso hübsch ist wie ihre Mutter und den achtjährigen Mario, der mit seinem Charme sofort alle Besucher um den Finger wickelt. Die Familie wohnt zur Zeit mit der Mutter von Maria zusammen, einer reizenden alten Dame, die uns ebenso herzlich aufnimmt wir ihre Kinder.

Bei einem unserer ersten La Paz-Besuche hat Ernesto mich mit seinem Onkel bekannt gemacht, der im Geographischen Institut des Militärs arbeitet und damit freien Zugang zu den besten Karten des Landes hat. Der Onkel ist Colonel und die Liebenswürdigkeit in Person. Bei unserem ersten Besuch führt er uns durch sein Institut, stellt uns den verschiedenen Abteilungsleitern vor und schärft allen ein, uns zu helfen wo sie nur können. Zum Abschied überreicht er mir seine Visitenkarte, und sagt mir, wenn ich irgendwo im Land Probleme bekäme, könne ich mich mit dieser Karte an den nächsten Militärposten wenden und mir würde geholfen. Ich glaube ihm aufs Wort, das Militär spielt in Bolivien immer noch eine große Rolle, auch wenn seine Macht nach dem Ende der Diktatur etwas beschränkt wurde.

Später besuche ich ihn noch öfter, er hilft mir mit Karten und Fachwissen und die Besuche laufen immer nach dem gleichen Muster ab. Um überhaupt auf das Gelände des Hauptquartiers der bolivianischen Militärs zu gelangen, auf dem auch das Geographische Institut untergebracht ist, muß ich am Eingang meinen Paß abgeben und bekomme eine Klemmkarte mit der Nummer des Bereichs, den ich jetzt betreten darf. Dann passiere ich zwei weitere Kontrollen, an denen mich meist blutjunge Soldaten (sie scheinen nicht älter als 17 zu sein und geben sich große Mühe, würdevoll zu wirken) fragen wo ich hin will und salutieren ehrfürchtig, wenn ich den Namen des Colonel nenne. Dann bin ich schließlich in seinem Büro, das beherrscht wird von einer Respekt gebietenden Sekretärin, deren Augenlider jedes Mal in einer anderen Blauschattierung geschminkt sind. Meistens muß ich ein paar Minuten auf den Colonel warten und habe Zeit, das Treiben im Büro zu beobachten.

An der Stirnseite steht der Schreibtisch des Colonel, dahinter ein Regal mit Akten und einer Menge goldener und silberner Pokale. Zur rechten Hand folgt der Schreibtisch der Sekretärin, die hinter ihrem Computer fast verschwindet. Wenn sie nicht gerade die Befehle des Colonel ausführt, scheint sie immer damit beschäftigt zu sein, Dinge in die riesigen braunen Kladden einzutragen, die so typisch für die bolivianische Bürokratie sind: alles aber auch alles wird in diesen archaisch anmutenden Büchern erfaßt und verzeichnet. Dann gibt es noch ein paar weitere Schreibtische, voll gestellt mit Computern und Druckern, hinter denen ein paar Männer mit endlosen Schreibarbeiten beschäftigt sind. Sozusagen mit zum Inventar des Büros gehört eine Ordonnanz, einer der frisch eingetretenen Wehrpflichtigen, der ausschließlich dazu da ist, die Befehle des Colonels auszuführen, Papiere heranzuschaffen, Nachrichten zu überbringen und was sonst noch so anfällt. Diese Jungen haben immer den untersten Dienstgrad und müssen jeden grüßen.

Ich kenne mich in diesen Dingen nicht aus, habe noch nie etwas mit dem Militär zu tun gehabt und bin fasziniert von den Regeln und Ritualen. Der Colonel ist in seinem Büro und seinen Abteilungen der absolute Herrscher, der seine Untergebenen nach Belieben herum kommandiert, wobei er aber immer freundlich bleibt, höchstens mal ironisch wird. Nur die Ordonnanzen müssen sich einiges gefallen lassen, sie werden von allen, einschließlich der Sekretärin herumgeschubst und durch die Gegend gejagt. Einige Male habe ich erlebt, wie der Colonel seine Macht ganz gezielt einsetze, um etwas zu bekommen, und sich in diesen Situationen dann auch über an sich vernünftigen Argumente seiner untergebenen Abteilungsleiter kühl hinwegsetzte, Befehl ist eben Befehl. Auch vor ein wenig subtiler Erpressung schreckte er nicht zurück, um sein Ziel zu erreichen.

Wenn der Colonel mit seinen Geschäften fertig ist, kommt er hinter seinem Schreibtisch vor, um mich zu begrüßen, er ist immer untadelig gekleidet und hat formvollendete Manieren. Er ist ein gutaussehender Mann: nicht groß aber drahtig mit einem schön geschnittenen schmalen Kopf und silbern ergrauten Schläfen. Wir plaudern ein paar Minuten, bevor wir zum Anlaß meines Besuchs kommen und wenn die Angelegenheit zur Zufriedenheit geklärt ist, lädt er mich noch auf einen Mate ins Kasino ein. Dort plaudern wir wieder, über Bolivien, daß er in allen seinen Winkeln kennt, über Deutschland, das er gerne einmal besuchen würde, aber niemals über Politik oder andere heikle Themen. Einmal, während wir gemütlich beim Mate sitzen, kommt eine Ordonnanz ins Kasino, um den Colonel an einen Termin zu erinnern, den er gerade wahrnehmen sollte. Einen Moment erschrickt er, aber dann hat er sich schnell wieder gefaßt und bescheidet den Boten „richte ihnen aus, daß ich in einer Besprechung mit dem General bin!“ Dann nimmt er unser Gespräch wieder auf, als wäre nichts geschehen und trinkt in aller Ruhe seinen Tee zu ende.

Bevor wir nach Sajama zurückkehren, kaufen wir im großen Stil ein, in den beiden kleinen Läden in Sajama bekommt man nur die aller notwendigsten Dinge.

Cholas in La Paz Foto: Kaniri en Pixabay

Nachdem wir uns ein paar Mal in Supermärkten nordamerikanischen Zuschnitts mit Lebensmitteln eingedeckt haben und dabei wahre Unsummen bezahlt haben, lasse ich mir von Maria zeigen, auf welchen Märkten sie einkauft.

„In den Supermarkt gehe ich fast gar nicht“ erklärt sie mir, „da gehen fast nur Ausländer und die superreichen Bolivianer einkaufen.“ Ich nicke reumütig.

Obwohl sie kurz vor einer Prüfung in der Uni steht, nimmt sie sich einen ganzen Vormittag Zeit, um mir zu zeigen, wo ich Konserven, Gemüse und Hygieneartikel am besten einkaufe. Wir streifen durch die Straßen um den Hexenmarkt im Zentrum von La Paz. Für alles gibt es einen Straßenzug, in einer Ecke werden nur Haushaltswaren wie Töpfe und Pfannen verkauft, dann wieder stehen wir zwischen lauter Ständen mit Shampoos und Kopien der aktuellen Düfte aus Paris und New York. Konserven und Öl kauft man am besten in kleinen Lebensmittelläden. Kerzen sind schwer aufzutreiben, aber schließlich finden wir doch einen Stand, der Kerzen und Streichhölzer im Angebot hat.

Die Märkte in La Paz faszinieren mich immer wieder. In der Altstadt bleibt auf den Bürgersteigen kaum noch Platz für Fußgänger, dicht an dicht sitzen die Cholas nebeneinander, jede ein Stück Sackleinen vor sich, auf dem sie ihre Ware ausgebreitet hat. Ein paar Kartoffeln, Tomaten und Möhren, kunstvoll zu kleinen Pyramiden geschichtet, Toilettenpapier und Plastikkämme oder Getränkedosen, alles Mögliche bieten sie feil. Die meisten sind Mütter, die ein oder zwei Kleinkinder dabei haben. Die Babys werden in einem bunten gewebten Tuch auf dem Rücken getragen, größere Kinder wuseln zwischen den Frauen herum. Zuerst tun sie mir leid, sie wachsen buchstäblich auf der Straße auf. Aber dann denke ich, vielleicht ist ihr Dasein doch gar nicht so übel. Sie haben die Mutter immer in greifbarer Nähe, bei Bedarf dürfen sie an die Brust, und die anderen Frauen betreuen sie liebevoll mit.

Mittags kehren wir mit zwei gewaltigen Kartons voller Lebensmittel und anderer Dinge ins Hotel zurück. Georg sitzt in der Eingangshalle und trinkt ein Bier mit den Söhnen der Hotelbesitzerin. Als er uns kommen sieht, grinst er und sagt

„Na, steht die Versorgung für die nächsten Wochen?“

Er bleibt gemütlich sitzen, während wir die Kartons zum Aufzug schleppen. Ich verkneife mir einen Kommentar, während die geduldige Maria ihm auch noch ein freundliches Lächeln schenkt. Georg ist Ethnologe und anscheinend haben sie ihm während des Studiums beigebracht, daß man das Vertrauen der Menschen nur gewinnt, wenn man mit ihnen zusammen isst. „Essen, was die Leute essen“ ist sein Schlagwort, zumindest solange wir in La Paz sind. Er benutzt es auch als Entschuldigung dafür, dass er sich nur selten und unlustig an den Einkäufen beteiligt. Nach ein paar Tagen in Sajama greift er dann gerne auf unsere Vorräte zurück, weil er die Lama-Steaks über hat.

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