Karneval in Sajama

Karneval in Sajama

Nachdem wir Sajama und seine Bewohner ein paar Wochen beschnuppert haben, müssen wir zurück nach La Paz. Pablos Reisezeit ist endgültig vorbei, er wird von Bolivien aus auf direktem Weg nach Buenos Aires fahren und sich dort einen Job suchen. Wir sind vier Monate zusammen durch ganz Chile gereist, haben über Politik, die Liebe und die Lage in Israel diskutiert, unzählige Tetrabriks Gato Negro Wein geteilt, einen Autounfall in der argentinischen Pampa und einen Motorschaden auf 4500 m Höhe zusammen überlebt – und jetzt ist unsere gemeinsame Zeit vorbei – mir ist zum Heulen und auch die Stimmung der Jungs ist im Keller.

Die letzten paar Tage in La Paz wissen wir gar nicht so recht, was wir miteinander anfangen sollen, und dann ist es soweit: Angel und ich stehen auf dem trostlosen und schmutzigen Busterminal von La Paz und sehen zu, wie Pablo seinen Rucksack im Bauch des Busses verstaut, der ihn in 71 Stunden nach Buenos Aires bringen soll. Auf einmal geht alles sehr schnell: wir umarmen uns, versprechen uns, in Kontakt zu bleiben und dann fährt der Bus aus dem Bahnhof und das war’s.

Ich heule ein wenig und auch Angel schaut etwas bedripst aus der Wäsche. Wir müssen uns erst daran gewöhnen, nur noch zu zweit zu sein, ein Teil unserer kleinen Familie fehlt und das wird uns in den nächsten Tagen immer wieder schmerzlich bewußt.

Inzwischen ist ein Studienkollege von mir in La Paz eingetroffen, der ebenfalls hier ein Forschungsvorhaben geplant hat. Eigentlich wollte er im Tiefland arbeiten, aber jetzt gibt es Probleme in dem Projekt, in dem er eigentlich arbeiten sollte und wohl noch unter dem Eindruck von Pablos Abschied (was mache ich nur alleine in Sajama, wenn Angel erst mal weitergereist ist?), überrede ich ihn, auch nach Sajama zu kommen. Dem Projektleiter ist es ziemlich egal, was Georg macht und ein Thema hat er auch schnell gefunden (er ist Soziologe) und so ist es beschlossene Sache, daß wir wieder zu dritt nach Sajama fahren.

Georg steht am Abfahrtsmorgen etwas skeptisch vor unserem Borgward, dabei haben wir ihm die Hälfte unserer Pannenstories gar nicht erzählt. Außerdem findet er das Auto häßlich und so ist die Atmosphäre etwas gespannt, als wir losfahren, aber die Fahrt verläuft wider Erwarten ohne eine einzige Panne. Schnell haben wir über die Stadtautobahn El Alto erreicht und finden diesmal die Ausfallstraße nach Oruro ohne Probleme. Der Motor schnurrt, die Sonne scheint und Angel sitzt am Steuer, da taucht plötzlich eine Schafherde am Horizont auf, die gemächlich die Straße überquert. Wir fahren zu schnell, oder die Bremsen funktionieren zu schlecht, auf jeden Fall fliegt plötzlich vor uns ein Schaf durch die Luft. Zum Ausweichen war kein Platz, die Straße verläuft auf einem kleinen Damm und links und rechts geht es ein paar Meter abwärts.

Wir halten an uns steigen aus, ich für meinen Teil etwas zittrig. Tot ist das Schaf zumindest nicht, in seinem Schreck ist es die Straße hinunter gelaufen und inzwischen über alle Berge. Wir beraten, was jetzt zu tun ist, Georg und Angel sind der Meinung, daß der Besitzer des Schafs uns eine Entschädigung für die Delle im Kühler zahlen müßte, ich denke eher an eine Bezahlung des Schafs, das ja sicher verletzt ist. Bislang ist allerdings niemand zu sehen, der Ansprüche geltend machen könnte. Nachdem wir aber noch eine Weile auf der Straße gestanden und das Problem fruchtlos diskutiert haben, taucht am Horizont eine ältere Frau mit wehenden Röcken und fliegenden Zöpfen auf. Sie gibt sich als die Besitzerin der Herde zu erkennen, und bald kommt auch noch ein Nachbar dazu, um sie unterstützen. Ich hätte eigentlich ein lautes Lamentieren über den Verlust des Schafes erwartet, aber stattdessen beginnt eine verhaltene aber zähe Diskussion.

Angel ist immer noch wütend darüber, daß die Frau ihre Schafherde so unbeaufsichtigt neben der Straße grasen hat lassen, die Frau dagegen möchte Ersatz für ihr Schaf, das sie jetzt notschlachten muß, wie sie uns erklärt. Ich bin immer noch dafür, das Schaf zu bezahlen, weil ich denke, daß unsere maroden Bremsen sicher nicht ganz unschuldig waren an dem Unglück. Schließlich läßt Angel sich überreden, aber dann taucht das Problem auf, daß wir nicht wissen, wieviel ein Schaf hier (oder anderswo auf der Welt) kostet. Die Frau nennt uns einen Preis, Angel fährt empört hoch, und die beiden fangen an zu verhandeln. Schließlich einigen sie sich auf der Hälfte des Anfangspreises und dann kommt Angel auf die Idee, daß er das Schaf, was wir ja schließlich bezahlt haben, auch haben will. Die Frau erklärt sich sofort bereit, es zu suchen und zu schlachten und ich sehe schon endlose Tage einer Schaffleisch-Diät vor mir. Nur mit Mühe kann ich Angel überzeugen, daß wir unmöglich ein Schaf im Auto unterbringen können und schließlich fahren wir weiter, ohne Geld und ohne Schaf. Noch wochenlang muß ich mir anhören, daß dieses unvorteilhafte Geschäft alleine meine Schuld war, wäre Pablo dabeigewesen, wäre die Geschichte ganz anders ausgegangen…

Diesmal haben wir eine eigene Unterkunft. Zum einen können wir die Gastfreundschaft der Guardaparques nicht ewig in Anspruch nehmen, zum anderen haben wir uns doch sehr unter Aufsicht gefühlt und Angel und ich möchten auch wieder im selben Raum übernachten dürfen. Im Park gibt es ein Abkommen unter den Sajamern, die Zimmer vermieten. Die wenigen Touristen, die kommen, werden reihum zugeteilt. Als wir ankommen, ist gerade Doña Sofia an der Reihe, die Mutter eines der Parkwächter. Wir haben Glück, Doña Sofia hat drei Zimmer zu vermieten, die in einzelnen kleinen Häuschen am Dorfausgang gegenüber der Gesundheitsstation liegen. Nachdem wir uns über den lächerlich geringen Preis einig geworden sind, nehmen wir die beiden größeren Häuschen in Beschlag und richten uns häuslich ein. In Angel und meinem Zimmer gibt es drei Betten, von denen wir eines zur Ablage und zum Sofa umfunktionieren; ein Tisch, drei Stühle und ein Schrank vervollständigen die Einrichtung. Die Dekoration besteht aus dem Schulabschlußzeugnis des Sohnes von Doña Sofia, einigen Kinderzeichnungen und den unvermeidlichen Fotos von glühenden Alpengipfeln und Schönheiten in mehr oder weniger knappen Badeanzügen. Nachdem wir den Kocher aufgestellt und Tee gekocht haben, sitzen wir eine Weile vor dem Haus, sehen zu, wie die untergehende Sonne den Gipfelgletscher des Sajama in die unglaublichsten Farben taucht und fühlen uns schon ganz zu hause.

In den nächsten Tagen beginne ich mit meiner Arbeit. Wie geplant fange ich mit dem einfacheren Teil, der Vegetationsuntersuchung an, die Interviews mit den Bewohnern will ich mir aufheben, bis ich die Leute etwas besser kenne.

Jeden Morgen ziehe ich los, den Rucksack vollgestopft mit Zeitungspapier, einer Lupe, Maßband und Klemmbrett, und untersuche eine andere Weide. Da es kaum Bestimmungsliteratur gibt, muß ich zuerst einmal eine Sammlung der Pflanzen anlegen; dazu brauche ich die alten Zeitungen. Jede neue Art, die ich finde, wird gepreßt und aufgeklebt; ich hoffe, daß ich auf diese Weise zumindest die wichtigsten Arten alle erwische und sie später in La Paz bestimmen kann.

Die Vegetationsaufnahme führe ich anhand einer relativ unkomplizierten Methode durch, die entwickelt wurde, um den Ertrag und den Zustand von Viehweiden schnell erfassen zu können. Mit zwei Fluchtstangen (zwei kleinen Fichtenstämmchen, die ich an der Straße nach La Paz gefunden und rot angemalt habe) wird eine Strecke von hundert Metern abgesteckt. Zwischen den beiden Stangen ist ein Seil gespannt, an dem entlang ich alle Pflanzen mit Wuchshöhe und anderen Daten erfasse. Aus den Daten lassen sich dann Rückschlüsse über die Gesamtbiomasse und den Zustand der Weiden ziehen. In ebenem Gelände ist diese Methode einfach und praktikabel, aber in den Hügeln hat sie so ihre Tücken.

Die Arbeit macht viel Spaß, ich bin den ganzen Tag draußen und lerne nach und nach die Umgebung des Dorfs immer besser kennen. Angel begleitet mich oft, manchmal bleibt er auch vor dem Haus in der Sonne sitzen und liest. Dann wandert er mittags zu der Wiese, auf der ich gerade arbeite und bringt ein Picknick mit, das wir zusammen essen, bevor wir eine Weile im warmen Gras dösen.

Georg dagegen hat mit seinen Interviews schwerer. Die Leute kennen ihn nicht und so ist es nicht einfach für ihn, Gesprächspartner zu finden. Zudem stellt sich heraus, das der Sajama-Nationalpark inzwischen schon recht gut erforscht ist und das wir nicht die ersten sind, die neugierige Fragen stellen. Man kann schon fast von einer „Forschungsmüdigkeit“ sprechen und der Parkdirektor Teodoro, ein stämmiger Aymara, der aus einem Dorf etwa 50 Kilometer von hier stammt, war überhaupt nicht begeistert, als ich mit einem zusätzlichen Kollegen aus La Paz wiederkam.

Offensichtlich hat sich der Park in den letzten Jahren zu Tummelwiese für Wissenschaftler und Studenten aus La Paz entwickelt und die Leute haben einfach keine Lust mehr, die selben Fragen wieder und wieder zu beantworten. Das ist für uns gut nachvollziehbar, aber nichtsdestotrotz müssen wir unsere Arbeiten hier abschließen. Das Problem scheint zu sein, daß die Koordination zwischen den verschiedenen Stellen nicht immer klappt und die Dörfler im Park müssen es dann ausbaden.

So läßt sich die anfängliche Skepsis uns gegenüber jedenfalls leicht erklären und verstehen; mit der Zeit lernen wir viele Bewohner von Sajama kennen, werden eingeladen und haben auch öfter selber Gäste und schließlich können wir auch unsere Interviews machen. Dabei kommt uns sicher zugute, daß wir über eine längere Zeit kontinuierlich im Dorf leben und an allem teilnehmen; Georg etwa drei, ich insgesamt etwa fünf Monate. So haben wir Gelegenheit, das tägliche Leben kennenzulernen, uns mit einigen Dörflern anzufreunden und überhaupt zumindest oberflächlich ein Teil des Lebens in Sajama zu werden.

Aber zu Anfang schlägt uns zuerst einmal viel Gleichgültigkeit und zum Teil auch offene Ablehnung entgegen.

Als wir uns gerade ein wenig in Sajama eingerichtet haben, steht der Karneval ins Haus. Als erstes sichtbares Anzeichen sammeln sich Grüppchen von Campesinos auf der Plaza, ganze Familien finden sich ein. Sie schleppen Bündel mit Kleidern, Säcke mit Nudeln und Kartoffeln und sogar Matratzen aus ihren Häusern an und türmen sie zu eindrucksvollen Haufen am Straßenrand auf. Nachdem sich eine Gruppe von etwa 35 Männern, Frauen und Kindern zusammengefunden hat, kommen am späten Nachmittag drei verbeulte Jeeps über die Sandpiste ins Dorf gefegt, die Bündel und Säcke werden auf die Dächer geschnallt und dann zwängt sich die ganze Gesellschaft in die Autos, um in einer Staubwolke zu verschwinden.

Die Parkwächter klären uns über den Zweck dieser Auswanderung auf: Es sind die Dorfbewohner, die sich von adventistischen Missionaren haben bekehren lassen, sie haben jeglichem Alkohol abgeschworen und dürfen keine heidnischen Feste feiern. Also wird jedes Jahr in einem verlassenen Tal fernab von jeder Siedlung ein Treffen veranstaltet, zu dem sich Adventisten aus den umliegenden Dörfern einfinden und sich die Zeit des Karnevals mit einer Art religiösem Pfadfinderlager vertreiben. Francisco, ein junger lebenslustiger Parkwächter, schaut etwas spöttisch aber auch mitleidig, als er uns diese Geschichte erzählt. Dann legt er uns ans Herz, den Karneval auf keinen Fall zu verpassen, er gehört zu den wichtigsten Festen, die im Dorf gefeiert werden.

Als die Adventisten aus dem Dorf verschwunden sind, kann es losgehen. Am nächsten Morgen hören wir schon früh Musik vom Dorfplatz herüberwehen, eilig machen wir uns auf den Weg, um nur ja nichts zu verpassen. Auf der Plaza herrscht fröhliches Treiben. Die Kapelle sammelt sich und probt ein paar Melodien, es gibt zwei Trommler und vier Flötenbläser, die sich alle in ihre besten Festagsgewänder geworfen haben: über ihren normalen Hosen tragen sie bunte, gewebte Ponchos, die Kopfbedeckungen bestehen aus Strickmützen und darüber gestülpten Hüten. Ebenfalls zur Kapelle gehört ein alter Mann, der eine weiße Fahne schwingt und als Anführer auftritt . Es ist der Iliakata von Sajama, ein Amt, das etwa dem des heutigen Bürgermeisters entspricht. Der Iliakata war früher die höchste Autorität im Dorf, heute wird seine Macht etwas durch den Alcalde, den Bürgermeister, eingeschränkt, der sozusagen für die moderne Verwaltung steht und sich gegenüber der Lokalregierung des Kantons verantworten muss. Trotzdem ist die Stellung des Iliakata immer noch bedeutend, er gilt den Leuten als der höhere Würdenträger und wird als moralische Instanz anerkannt.

Die weiße Fahne, die er in den Händen trägt, symbolisiert den Vulkan Sajama, wie uns Telmo erklärt, die Menschen hier schreiben dem Berg Zauberkräfte zu und nennen ihn auch respektvoll Doktor Sajama.

Um drei Uhr nachmittags geht es dann richtig los: die Frauen des Dorfs sammeln sich in ihren Kostümen, die aus bunten Röcken und Umhängetüchern bestehen, auf der Plaza und langsam formiert sich ein Umzug. Vorneweg der Iliakata, der zu diesem Zeitpunkt trotz des erheblichen Quantums an Schnaps, das er intus hat, noch relativ sicher auf den Beinen ist. Er schwenkt die weiße Fahne und führt die Kapelle an, die ihm im Laufschritt folgt. Dabei spielen sie endlose Melodien, eine nach der anderen. Sie sind sich aber alle so ähnlich, daß es uns schon nach kurzer Zeit vorkommt, als hören wir immer die gleichen Klänge. Der Kapelle folgen die Frauen, immer paarweise führen sie Tänze auf; während die Männer und wir vorerst zusehen.

Von den Parkwächtern wissen wir, daß sie für heute einen spektakulären Auftritt geplant haben. Schon Tage vorher waren sie unterwegs, um die Pferde von den Weiden zu holen und in einen präsentablen Zustand zu bringen. Und dann ist es schließlich so weit: im Galopp, in voller Uniform und mit viel Geschrei reiten sie auf den Dorfplatz, so daß die Tänzer erschrocken auseinander stieben und die Mütter ihre Kinder in Sicherheit bringen. Telmo führt die Horde natürlich an, auch er schwenkt eine weiße Fahne und als sie ein paar Mal rund um den Platz gesprengt sind, beenden sie ihre Aufführung mit Schüssen in die Luft und verschwinden wie die wilde Jagd Richtung Friedhof.

Als sich die Tänzer etwas von dieser Demonstration erholt haben, geht der Tanz weiter. Wir sind inzwischen mit ein paar Dörflern ins Gespräch gekommen und haben auch die ersten Schnäpse angeboten bekommen. Mein Freund und Studienkollege Victor hat mir in La Paz vor unserer ersten Fahrt nach Sajama noch eine Menge nützlicher Tips auf den Weg gegeben, deren Nichtbeachtung meine Feldforschung unweigerlich zu einem totalen Fiasko werden lassen würden, wie er mir wiederholt und eindringlich einbleut. Einer davon lautet, niemals ein alkoholisches Getränk abzulehnen. Und dieser Hinweis bringt mich jetzt in ein erhebliches Dilemma. Am Rand des Dorfplatzes sind ein paar Tische und Bänke aufgebaut, die gastronomische Versorgung findet an einem kleinen, aus ein paar Latten zusammen gezimmerten Tisch statt und ist ausschließlich flüssiger Natur. Auf den Märkten in Patacamaya und an der chilenischen Grenze kann man einen hochprozentigen Alkohol kaufen, der eigentlich für medizinische Zwecken gedacht ist und dementsprechend unangenehm schmeckt. Also wird er (manchmal) verdünnt und mit Zucker versetzt, und um die Veredelung abzuschließen, mischt man ein wenig rosafarbene Lebensmittelfarbe dazu. Von diesem Gesöff stehen einige Fünfliter-Kanister unter dem Tisch und wir bekommen immer wieder ein Gläschen angeboten. Angel und Georg kommen (wahrscheinlich, weil sie besser trainiert sind) ganz gut mit dem erstaunlichen Quantum an Alkohol zurecht, daß wir innerhalb kürzester Zeit konsumieren, aber ich bin schon nach einer halben Stunde so betrunken, daß mir nichts anderes übrig bleibt, als hinter der nächsten Hausecke zu verschwinden und mir den Finger in den Hals zu stecken…

Dann kommen wir auf die Idee, das Angebot um ein weniger hartes Getränk zu erweitern und Angel besorgt im Laden von Doña Sofia eine Kiste Bier. Damit machen wir uns beliebt und außerdem können wir selber von Schnaps auf Bier umsteigen.

Die Stimmung steigt mit dem Alkoholkonsum und immer mehr der Zaungäste beteiligen sich am Tanz. Die Kapelle läuft immer noch unter der Führung des Illiakata unermüdlich um den Platz, und schließlich werden wir auch aufgefordert, mitzumachen. Angel bekommt als Tanzpartnerin eine resolute Frau mit ausladenden Röcken und knallroten Wangen, ich werde von ihrem Ehemann aufgefordert, einem stämmigen Gast aus Oruro, der etwa anderthalb Köpfe kürzer ist als ich. Georg wird von einer kleinen Alten abgeschleppt, die so betrunken ist, daß sie sich schwer bei ihm einhängen muß, aber trotzdem noch in der Lage ist, ihn mit eisenharter Hand über die Tanzfläche zu lotsen. Der Tanz führt immer um den Dorfplatz herum und das Tempo ist erstaunlich! Während die Dörfler auf die Musik eine komplizierte Schrittfolge absolvieren, habe ich damit zu tun, überhaupt hinterher zu kommen und galoppiere atemlos an der Hand meines Tanzherren um den Platz.

Abends werden wir zu einem der Essen eingeladen, die die Würdenträger des Ortes anläßlich des Karnevals geben. Dafür werden eines oder sogar mehrere Lamas geschlachtet und auch die Getränke für seine Gäste muß der Hausherr bezahlen.

In der Hütte ist es stockdunkel, nur ein paar Kerzen streuen kleine Lichtinseln in den höhlenartigen Raum. Die Gäste sitzen auf Bänken, die an der Wand entlang aufgestellt worden sind. Es wird fleißig weiter getrunken, während ein paar Frauen eine herzhafte Suppe aus Gemüse und Lamafleisch servieren. Ich sitze eingezwängt zwischen zwei schon reichlich betrunkenen Männern, während Angel mehr Glück mit seiner Tischdame hat, es ist ein hübsches Mädchen, das für den Karneval aus La Paz zu Besuch gekommen ist.

Nachdem wir unsere Suppe ausgelöffelt und noch eine Weile Konversation betrieben haben, verabschieden wir uns und machen uns durch die stockdunkle und eiskalte Nacht auf den Heimweg.

Die nächsten beiden Tage werden wir schon morgens um sechs von den eintönigen Melodien der Kapelle geweckt. Die Truppe spielt drei Tage lang praktisch ohne Unterbrechung. Wir schauen noch ein paar Mal auf dem Dorfplatz vorbei, aber nach dem ersten Tag ist den Karnevalisten der Schwung etwas abhanden gekommen, und am dritten Tag scheinen alle erleichtert zu sein, daß sie jetzt wieder zum normalen Tagesgeschehen übergehen können. Am nächsten Tag trudeln dann auch die Adventisten in Sajama ein und das Dorfleben kehrt zurück in seinen alltäglichen Bahnen.

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