Gipfelstürmer

Gipfelstürmer

Inzwischen haben wir uns in Sajama eingelebt. Unsere Forschungsprojekte gehen ihren Gang , Georg hat gute Kontakte zu den Sajamern aufgebaut und zieht jeden Tag los, um Interviews zu machen, während ich immer noch mit meinen Vegetationsaufnahmen beschäftigt bin. Die unmittelbare Umgebung kennen wir und langsam treibt es uns, unbekannte Gefilde zu erkunden. Georg redet schon ein paar Wochen davon, den Sajama zu besteigen. Er zieht bei den Parkwächtern Erkundigungen ein und redet beim abendlichen Tee in der Küche viel von seinem Gipfelstürmerprojekt.

Eines Sonntags beschließen wir, wenigstens die erste Etappe zu erkunden. Es gibt zwei Basislager, von denen aus der Gipfel zu erreichen ist, eines liegt an der Südflanke des Berges und ist nicht so leicht zugänglich, aber das andere haben wir praktisch vor der Haustür. Der Weg zum nördlichen Basislager ist ein Spaziergang, versichert uns Telmo. Das Dorf Sajama liegt auf 4220 m üNN, das Campo base norte nur knapp siebenhundert Meter höher, und es führt sogar ein richtiger Weg dorthin.

Als wir aufbrechen, ist es noch kalt. Aber bald schmilzt die Morgensonne den Rauhreif auf den Pachagrasbüscheln und wir müssen Schicht um Schicht unserer warmen Verpackung ausziehen. Tatsächlich ist der Weg bequem zu gehen, er wird von den Hirten genutzt, die ihre Herden auf die wenig besuchten und deshalb reichhaltigen Hochweiden bringen. Nur die Höhe macht uns etwas zu schaffen, besonders schnell kommen wir nicht vorwärts. Der Weg ist wunderschön und entschädigt für die Mühen des Aufstiegs. Entlang eines ausgetrockneten Bachs klettert er vorbei an riesigen Pachagras-Büscheln den Berg hinauf. Die reine Luft ist erfüllt vom Duft der ätherischen Öle der spärlichen Büsche, und da an diesem Morgen kein Windhauch weht, ist es absolut still. Tiefes Glück erfüllt mich.

Nach zwei Stunden haben wir das nördliche Basislager erreicht. Eine Quelle ist von einer kleinen grünen Hochebene umgeben, außer einer Freilufttoilette hinter einer kleinen Steinmauer gibt es keinerlei Ausstattung

Angel möchte weiter, höher hinaus: 5000 Meter müßten doch leicht zu erreichen sein, findet er. Tatsächlich fehlen uns tatsächlich nur hundert Höhenmeter. Ich bin nicht so scharf auf Höhenrekorde, habe aber auch nichts dagegen, noch ein wenig höher zu steigen, also machen wir uns auf den Weg. Der Pfad endet allerdings am Campo, so daß wir jetzt über eine mehr oder minder steile Geröllhalde kraxeln müssen, um den nächsten Grat zu erreichen. Angel und Georg sind schnell verschwunden, sie haben beide den Ehrgeiz, die 5000 Meter zuerst zu erreichen.

Wie sie diesen Wettstreit allerdings entscheiden wollen, ist mir nicht ganz klar, wir haben weder Karte noch Höhenmesser dabei. Da sich die beiden nicht besonders leiden können, ist das Rennen nur halb scherzhaft. Ich finde es gar nicht so einfach, über das rutschige Schiefergeröll vorwärtszukommen. Ich stapfe langsam bergauf und halte nach den Jungen Ausschau, da passiert es: eine Schieferplatte rutscht unter meinem Fuß weg und ich setze mich unsanft hin. Ich spüre einen scharfen Schmerz in der linken Hand und im rechten Fuß, sonst habe ich nur ein paar Schürfwunden. Einen Moment bleibe ich sitzen, dann beschließe ich, abzusteigen und im Lager auf Angel und Georg zu warten. Da stelle ich fest, daß ich mit dem Fuß nicht auftreten kann und nicht alleine weiterkomme. Ich beginne nach den Jungen zu rufen, aber sie sind schon zu hoch, anscheinend hören sie mich nicht. Die nächste halbe Stunde wird etwas unangenehm. Der Himmel zieht sich zu und ich fange an zu frieren, kann aber mit meiner lädierten Hand die Jacke nicht überziehen. Ich rufe nach Angel und Georg, heule ein bißchen und tue mir leid, aber als die beiden Jungen endlich von ihrem Gipfelsturm zurückkommen, hat sich der Schmerz in meinem Fuß schon wieder so weit beruhigt, daß wir uns an den Abstieg machen können. Der wird unangenehm für mich und ich sorge dafür, daß die Jungen mit mir leiden, indem ich sie bei jeder Gelegenheit anschnautze und ihre Hilfsangebote zurückweise. Ich bin wütend, daß sie einfach weiter gelaufen sind und mich alleine gelassen haben. Es hätte ihnen ja auch etwas passieren können. Außerdem habe ich ihre ewigen Streitereien satt.

Als wir Zuhause ankommen, tut mein Fuß weh vom Abstieg, aber mehr noch meine Hand, die ich kaum bewegen kann. Aber wozu haben wir die Gesundheitsstation direkt vor der Haustür?

Der Krankenpfleger, der die Station betreibt, kommt aus dem Tiefland und ist von den Behörden für Sajama eingeteilt worden. Es gefällt ihm hier überhaupt nicht, er ist das kalte Klima und die Einsilbigkeit der Hochlandbewohner nicht gewohnt. Sowie er frei hat, packt er seine Frau und seine umfangreiche Kinderschar auf sein Motorrad und verschwindet.

Aber heute haben wir Glück, er ist weder privat unterwegs noch auf einer seiner ausgedehnten Touren über die Dörfer, die er von Sajama aus mit betreut. Er führt uns stolz durch die saubere kleine Station, “überhaupt kein Dreck hier” sagt er zufrieden. Da müssen wir ihm zustimmen, es ist wirklich sehr sauber und aufgeräumt, allerdings gibt es auch nichts, was hätte in Unordnung geraten können. Der Behandlungsraum ist bis auf zwei Stühle, einen kleinen Schreibtisch und einen Medikamentenschrank absolut leer. Der Pfleger nimmt hinter dem Schreibtisch Platz, ich darf mich auf den anderen Stuhl setzten, Angel muß stehen. Wir erklären was passiert ist und bitten ihn, sich meinen Arm anzuschauen. Er greift beherzt zu und verdreht meine Hand mit einem Ruck, so daß mir vor Schmerz schwarz vor den Augen wird. “Pahh, das ist nichts!” sagt er mit Überzeugung. “Nur eine Verstauchung, ich gebe dir ein paar Tabletten.” Er öffnet den Medikamentenschrank, in dem sich vier verschiedene Medikamentenpackungen zwischen den Regalen verlieren. Aus dreien davon gibt er uns jeweils zwei Tabletten, als wir fragen, um welche Medikamente es sich handelt, sagt er nur “die werden dir guttun!” Wir bezahlen die Tabletten und bedanken uns, zu hause krame ich Aspirin hervor, nach der rabiaten Behandlung meines Armes habe ich das Vertrauen in die Heilkunst unseres Pflegers etwas verloren. Angel entwickelt eine eigene und sehr erfolgreiche Therapie, die aus nicht nachlassender liebevoller Fürsorge und viel heißem Tee mit Rum besteht, nach ein paar Tagen bin ich wieder auf den Weiden unterwegs, auch wenn meine Hand immer noch in einem dicken Verband steckt und nicht sehr brauchbar ist.

Zwei Wochen später lasse ich den Arm in La Paz röntgen, er ist gebrochen, allerdings ist es ein unkomplizierter Bruch, der inzwischen auch ohne Gips fast verheilt ist.

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