Alleine in Sajama…

Alleine in Sajama…

Nachdem Angel drei Monate mit mir in La Paz und Sajama verbracht hat, muß er nach hause. Auch wenn ich mich inzwischen in Bolivien gut eingelebt habe und ja auch durch Georgs Gesellschaft nicht alleine bin, habe ich Angst davor, nach der langen gemeinsamen Reise auf mich allein gestellt zu sein. Aber da ist nichts zu machen, er kann unmöglich länger bleiben und eines Tages kommt er mit dem Ticket für seinen Rückflug in der Tasche nach hause. Wir sind beide sehr niedergedrückt und beschließen, vor seiner Abreise noch gemeinsam etwas zu unternehmen.

Auf Ernestos Anraten fahren wir nach Coroico, ein kleiner Ort, der am Ostabhang der Anden liegt. Die Fahrt nach Coroico führt zunächst aus La Paz heraus auf einen eisigen Bergpass und dann sind wir auf der Straße des Todes. Die Strecke von La Paz in die Yungas ist in den Berghang gesprengt, von oben tropft das Wasser aus der tropischen Vegetation, nach unten ist der Abhang oft 500 m tief.

Auf der Carretera de la Muerte © Ulf Huebner | Dreamstime.com

Uns stockt immer wieder der Atem, entweder wegen der atemberaubenden Blicke, die sich immer wieder auftun, oder aber wegen des Zustands der Carretera de la Muerte, die nicht viel mehr als eine schmale, rutschige Schlammpiste ist. Abgestürzte LKWs und Busse in unterschiedlichen Stadien der Verwitterung illustrieren den Namen der Straße. Wir sind froh, dass wir uns diesmal ein Busticket gekauft und den Borgward in La Paz gelassen haben. Trotzdem genießen wir die Reise, was wir hier zu sehen bekommen, ist ein ganz anderes Gesicht Boliviens als der karge Altiplano. Immer wieder flattern tropische Falter gegen die Busfenster, kleine Wasserfälle prasseln auf das Blechdach des Busses, und wir fahren vorbei an Bananenstauden, Militärposten und Koka-Feldern.

Bolivien ist nach Kolumbien und Peru der drittgrößte Koka-Produzent, den Bauern ist die Pflanze als Produkt der Mutter Erde, der Pachamama, heilig. Sie kauen es gegen Hunger und Müdigkeit, und auch bei den Touristen sind die Blätter der Koka-Pflanze beliebt, sie sollen als Tee getrunken gegen die Soroche, die Höhenkrankheit helfen. Allerdings wird ein großer Teil der Ernte nicht auf dem Wochenmarkt, sondern an die Drogenkartelle verkauft. Den Blättern wird in kleinen Laboren in La Paz oder im bolivianischen Dschungel mittels Diesel und Amoniak das Alkaloid Kokain entzogen, und als weiße Paste über Mexiko und Venezuela nach Europa und Nordamerika transportiert.

Und die Bauern in den Yungas sind auf das Geld der Drogenkartelle angewiesen. Entwicklungsprogramme, die vor allem von den USA in dieser Region finanziert wurden, und die darauf abzielten, Koka-Bauern zu Obstbauern zu machen, scheiterten. „Koka kann ich vier mal im Jahr ernten, Ananas nur einmal, das bringt nicht genug Geld, um die Kinder zur Schule zu schicken“ – diese Aussage stammt von einer Koka-Verkäuferin, mit der wir während einer der Pausen, die der Bus auf dem Weg nach Coroico einlegt, ins Gespräch kommen.

Reisebericht Bolivien
Koka-Blätter werden in der Sonne getrocknet © Dani3315 | Dreamstime.com

Böse Zungen behaupten, dass die Wirtschaft Boliviens dermaßen vom Drogengeld abhängig ist, dass die Operationen, die die bolivianische Regierung mit Hilfe der US-Regierung gegen den Koka-Anbau durchführt – immer wieder werden Koka-Felder niedergebrannt – nur dazu dienen, den Schein zu wahren.

Wir verbringen ein schönes Wochenende in Corioco. Wir wandern, dösen am Pool unseres kleinen Hotels und genießen die tropischen Früchte, die es an jeder Straßenecke zu kaufen gibt. Wir reden darüber, wie es weitergehen soll. Zuerst war unsere Beziehung sehr unverbindlich, keiner von uns beiden wollte sich festlegen. Aber besonders in den letzten Monaten in Sajama haben wir gemerkt, wie viel uns inzwischen verbindet. Wir beschließen, dass wir zumindest versuchen wollen, unsere Beziehung am Leben zu erhalten. Dass das nicht einfach wird, ist uns klar. Ich habe noch ein gutes halbes Jahr in Südamerika vor mir, das ist eine lange Zeit!

Und dann stehe ich am Flughafen und winke Angel nach, der hinter dem Paßkontrollhäuschen verschwindet. Ich fühle mich schrecklich. Nach vier Monaten gemeinsamer Reisezeit mit Angel und Pablo bin ich jetzt auf einmal völlig auf mich gestellt. Schon jetzt vermisse ich Angel schrecklich. Vom Flughafen fahre ich direkt zu Ernesto, um mich auszuheulen. Da sitzt Georg im Wohnzimmer und sagt tröstend zu mir „du hast ja noch mich“. Ich kann gerade noch einen bissigen Kommentar zurückhalten, leider haben wir uns in den letzten Wochen nicht gerade gut verstanden, und der Gedanke, dass ich jetzt ganz alleine mit ihm in Sajama sein werde, heitert mich nicht wirklich auf.

Dann fahren Georg und ich das erste Mal alleine nach Sajama. Schon auf der Steigung nach El Alto fressen sich die Bremsen fest. Das Problem ist nicht neu, Angel hat mir genau erklärt, wie ich sie wieder lösen und neu einstellen kann. Leider muß ich dazu drei der Räder ausbauen, und so stehen wir Rand der Stadtautobahn, die nach El Alto hinauf führt, und während ich schwitzend unter dem Auto liege, schimpft Georg auf den Borgward. Sonst trägt er nicht viel zur Lösung des Problems bei. Er hilft mir noch nicht einmal, die schweren Reifen zu bewegen, obwohl ich das mit meiner immer noch dick verbundenen Hand kaum schaffe. Ich werde immer wütender.

Im Auto herrscht eisiges Schweigen, während wir durch den Altiplano fahren . Kurz hinter Patacamaya, etwa auf der Hälfte des Weges nach Sajama, bleiben wir zum zweiten Mal liegen. Diesmal stimmt etwas mit dem Motor nicht. Bis jetzt hat Angel, der ausgebildeter Mechaniker ist, zuerst mit Pablos und später mit meiner Hilfe, die meisten Probleme beheben können; zumindest konnte er einschätzen, wann wir den Borgward in eine Werkstatt bringen mußten. Während ich ratlos auf den Motor starre, steht Georg neben dem Auto, beklagt sich über mein unzuverlässiges Transportmittel und tritt heftig gegen den Kotflügel. Ich mache den Kofferraum auf, werfe Georgs Rucksack an den Straßenrand und sage ihm, er könne in Zukunft mit dem Bus fahren. Diese Geste währe allerdings weit wirkungsvoller gewesen, wenn ich mit dem Auto davon brausen hätte können – so bleibt mir nur, Georg, der sich jetzt wortreich entschuldigt, zu ignorieren.

Zu seinem Glück hält in diesem Moment ein LKW, der auf dem Weg nach La Paz ist, und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Natürlich spricht er Georg an und beachtet mich als Frau gar nicht, was mich noch wütender macht. Immerhin nimmt er uns mit nach Patacamaya, wo es einen Mechaniker gibt, der das Auto schon ein paar mal repariert hat. Es stellt sich heraus, dass zwei Zündkerzen aus der Fassung gesprungen sind und ersetzt werden müssen.

Wir lassen das Auto beim Mechaniker, der wohl denkt, jetzt, wo Angel und Pablo nicht mehr da sind und seine Arbeit überwachen, könne er mit mir machen was er wolle. Als wir uns nachmittags wieder auf den Weg nach Sajama machen, springen die beiden reparierten Zündkerzen direkt mit einem lauten Knall wieder aus der Fassung. Es stellt sich heraus, dass der Mechaniker sie einfach mit Sekunden-Kleber in das Gewinde geklebt hat. Ich bin wegen meines Streites mit Georg immer noch in finsterster Stimmung, außerdem haben mich die Erfahrungen der letzten Monate jegliche Schüchternheit gegenüber Mechanikern verlieren lassen.

Ich bleibe stur mitten in der Werkstatt stehen und schimpfe wie ein Rohrspatz. Der Mechaniker gibt sich viel Mühe, beruhigend auf mich einzureden, aber ich bin fest entschlossen, ihm so lange auf die Nerven zu gehen, bis er mir mein Geld zurück gibt und mir hilft, das Problem zu lösen. Schließlich merkt er, daß er mich nicht so einfach los wird und wir einigen uns darauf, daß er mir die Tür und das Fenster, die seit unserem Unfall in Patagonien immer noch defekt sind, kostenlos repariert. Die Gewinde für die Zündkerzen sind durch den Sekunden-Kleber nicht mehr brauchbar und müssen neu geschnitten werden. Der Mechaniker gibt zu, dass ihm dafür das passende Werkzeug fehlt, verspricht aber, einen Freund zu mobilisieren, der einen Abschleppwagen hat und uns wieder nach La Paz bringen kann.

Todmüde kommen wir abends wieder in La Paz an, zum Glück hat unser Hotel wenigstens Zimmer frei. Ich bringe den Borgward in eine Volkswagen-Vertragswerkstatt, die mir Ernesto empfohlen hat. Sie liegt in der teuren Zona Sur von La Paz, und die Reparatur kostet mich einen Batzen Geld, aber ich habe zu viele schlechte Erfahrungen mit Hinterhof-Mechanikern gemacht.

Wir verbringen eine Woche unfreiwillig in La Paz, bis wir erneut nach

Sajama aufbrechen können. Aber schließlich ist es doch so weit. Wir packen die Rucksäcke und unsere Lebensmittelvorräte in den Kofferraum, und gehen in die Hotelhalle, um an der Rezeption unsere Zimmer zu bezahlen.

Als wir nach zwei Minuten wieder auf die Straße treten und losfahren wollen, stellen wir fest, das die Tür zum Kofferraum aufsteht und mein Rucksack fehlt. Georgs Rucksack lag auf dem Hintersitz, vielleicht haben ihn die Diebe deshalb nicht mitgehen lassen.

Das Auto war zwar abgeschlossen, aber mir wird schnell klar, daß das Schloß keingroßes Hindernis für den Dieb war: man kann es mit einer Münze öffnen.

Ich fluche, dann geht’s zur Polizei, um eine Bescheinigung für die Versicherung zu besorgen. Georg kommt mit und hält mir sozusagen mental die Hand und tröstet mich. Ich bin sehr froh, dass ich diese Situation nicht alleine durchstehen muß! Ich bin schon etwas fassungslos und wütend – vor allem auf mich selbst. Der Rucksack war ein Examensgeschenk meiner Familie, und er enthielt praktisch alles, was ich im Moment besitze: Kleidung, Toilettenartikel, meine Kamera, eine wunderschöne Lapislazuli-Kette, die Angel mir zum Abschied geschenkt hat, ein paar Bücher und auch mein Tagebuch. Ich fühle mich ganz nackt und auf einmal sehr alleine. Diese Dinge waren irgendwie auch ein Stück Heimat. Aber dann sage ich mir, dass es eben nur Dinge waren. Und zum Glück hatte ich meinen Pass, mein Geld und meinen Computer im Tagesrucksack auf dem Rücken.

Als wir von der Polizei zurückkommen, gehe ich auf den riesigen Straßenmarkt, der direkt hinter unserem Hotel beginnt, und kaufe ein: einen neuen Rucksack, Hosen, T-Shirts, Zahnbürste, Shampoo, ein neues Tagebuch und eine billige Kamera, hier bekommt man wirklich alles! Und mit einer Woche Verspätung geht es dann endlich wieder nach Sajama.

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