1. Ankunft in Sajama

1. Ankunft in Sajama

Gleich am zweiten Tag haben die Parkwächter einen Termin für mich ausgemacht: ich soll nach Caripe, eines der vier Dörfer des Parks, fahren, und mich dort dem zuständigen Parkwächter vorstellen. Caripe liegt etwa 20 Kilometer südlich von Sajama und Telmo, der Chef der Parkwächter teilt uns gleich mit, daß die Straße für unser Auto, einen Borgward, der drei Jahre älter als ich ist, viel zu schlecht sei. Etwas widerwillig bietet er mir allerdings an, mich mit dem Park-eigenen Jeep zu bringen. Ich habe aber Skrupel, die Hilfsbereitschaft der Parkwächter allzusehr auszunützen und als ich dankend ablehne, leuchtet sein Gesicht zufrieden auf: anscheinend habe ich die richtige Entscheidung getroffen

Dann bietet er mir sein Fahrrad an, und diesmal nehme ich an. Angel, der Gute, beschließt mitzukommen und nach einigem Herumfragen im Dorf haben wir auch bald ein zweites Fahrrad für ihn aufgetrieben. Als Juan, der andere Parkwächter, von unserem Vorhaben erfährt, schaut er uns ungläubig an, das würden wir niemals schaffen, hin und zurück währen das immerhin 40 Kilometer, und wir würden sicherlich Probleme mit der Soroche, der Höhenkrankheit bekommen. Das Dorf Sajama liegt auf einer Höhe von 4200 m, und auch wenn wir in La Paz ganz gut klargekommen sind, müssen wir uns hier erst einmal akklimatisieren. Mir wird etwas mulmig zumute, als ich die sandige Piste betrachte, die an unserem Haus vorbei nach Caripe führt. Aber Angel meint, er hätte viel Kondition, schließlich würde er Zuhause in Spanien auch immer Fahrrad fahren und 40 Kilometer seien ja auch nicht so viel.

Am nächsten Morgen um sechs Uhr erwartet uns ein prächtiger Sonnenaufgang hinter dem Sajama, als wir aus der Tür treten. Es ist bitter kalt und die Spitzen der Pacha-Grasbüschel tragen Rauhreif. Die Ebene zu unserer Linken wird langsam ins frische Licht der Sonne getaucht und scheint nach der kalten Nacht wieder zum Leben zu erwachen. Überall sehen wir die Lama- und Alpaka-Herden, die von ihren Korralen (von Steinmauern eingerahmte Ruheplätze) zu den Weiden wandern. Begleitet werden sie immer von zwei oder drei Kindern, die darauf achten, daß die Jungtiere nicht verloren gehen. Diese Arbeit müssen die Kinder des Dorfes erledigen, bevor sie sich auf den Weg zur Schule machen.

Wir steigen auf die Räder und machen uns auf den Weg. Schon nach 200 Metern glaube ich, nicht mehr weiter zu können, meine Augen tränen, die Hände werden in der Morgenkälte gefühllos und meine Lungen scheinen zu platzen. Angel überredet mich, es wenigstens bis zur nächsten Abfahrt zu probieren, er malt mir die Schande aus, die uns erwarten würde, wenn wir schon bei unserer ersten Unternehmung die Guardaparques um Hilfe bitten müßten. Das treibt mich ein wenig an und so quälen wir uns weiter bergauf durch den Sand. Nach ein paar Kilometern wird die Piste zum Glück ein wenig fester, jetzt muß man nur aufpassen, daß man nicht auf einen der großen Steine knallt, die überall aus der hartgefahrenen Erde ragen, aber das ziehe ich dem weichen Sand bei weitem vor!

Es stellt sich schnell heraus, daß Angels Vorderreifen Luft verliert. Eine Luftpumpe konnten wir gestern im ganzen Dorf nicht auftreiben. Außerdem hat er nur eine simple Dreigangschaltung, während ich zwischen 21 Gängen herum schalten kann. Uns bleibt nichts anderes übrig, als schneller zu fahren und zu hoffen, daß wir in Caripe eine Pumpe finden.

Der wunderschöne Morgen entschädigt uns für die Strapazen; wir fahren am Fuß des Sajamas entlang und die Vorhügel bieten hinter jeder Kurve ein anderes Bild. An einigen Stellen sind sie mit Kenua-Bäumen bewachsen, die in der Wärme der höher steigenden Sonne harzig duften, an anderen Stellen zieht sich das Pacha-Gras bis fast an die Felsen hinauf. Das Bofedal (eine Art Moorlandschaft, die den besten Weidegrund für die Tiere abgibt) zu unserer Linken ist saftig grün und die Lamas und Alpakas sehen von weitem aus wie die flauschigen Spielzeugtiere eines Krippenspiels.

Wir kommen an einer großen Lagune vorbei, an der eine kleine Herde Vicuñas weiden. Sie sind die wilden Verwandten der Lamas und Alpakas, angeblich haben sie sich jedem Versuch, sie zu domestizieren, widersetzt. Da ihre Wolle aber zu der feinsten und kostbarsten gehört, die es gibt, wurden sie in der Vergangenheit zu Tausenden und Abertausenden gejagt und getötet; erst jetzt, nach langfristigen Schutzprogrammen, die die Regierungen in La Paz, Lima und Buenos Aires organisiert haben, erholen sich die Bestände dieser wunderschönen Tiere wieder. Sie sind etwas kleiner und viel graziler als ihre Haustierverwandten und ihr Fell hat die Farbe hellen Milchkaffees. Bei unserem Anblick ergreifen sie sofort die Flucht, ebenso wie eine kleine Gruppe Ñandus, die es hier im Altiplano an einigen Stellen auch gibt.

Reisebericht Bolivien
Vicuñas – Foto falco from Pixabay

Unsere Herzen rasen und wir haben Kopfschmerzen, die Fahrt über die Schlagloch-übersäte Piste ist eine einzige Qual.

Endlich taucht hinter einer Hügelkuppe die weiße Kirche von Tomarapi auf. Ursprünglich lebten die Bauern von Caripe in Tomarapi. Nach und nach zogen vom Hügel sie in die Ebene, wo ihre Herden weideten und Tomarapi blieb als Geisterdorf zurück. Die Häuser verfallen, nur die Kirche wird noch gepflegt und der Park hat seine Rangerstation in einem der alten Gebäude untergebracht. Die Guardaparques haben es wunderschön hergerichtet, die Wände sind ockerfarben bemalt und das ganze Gelände ist mit einem Zaun aus Kenua-Holz umgeben.

Wir werden schon erwartet, allerdings nicht von den Guardaparques, die haben frei, dafür ist einer der Dorfbewohner gekommen, um uns herumzuführen. Es stellt sich heraus, daß die Besichtigungstour nicht zu Fuß stattfinden wird, wie wir gedacht hatten, sondern daß wir wieder aufs Fahrrad steigen müssen… Wir stöhnen, aber was bleibt uns anderes übrig? Wenigstens gibt es einen Bach und wir können unsere Trinkflaschen auffüllen. Felix, unser Führer, ist ausgeruht und außerdem an die Höhe gewöhnt, er fährt los wie der Teufel und wir keuchen hinterher. Wir biegen vom Fuß des Sajama nach Westen ab und gelangen in eine weite Ebene, an deren Rand entlang der Weg führt. Der Grund des Hochtals ist bedeckt von einem grünen Bofedal, auf dem zahllose Alpakas weiden. Wir setzten uns an den Abhang und Felix fängt an, von seinem Dorf zu erzählen. Er berichtet, wie sich die Dorfbewohner vor etwa fünfzehn Jahren zusammengesetzt und überlegt haben, wie sie die Bedingungen für sich und ihre Tiere verbessern könnten. Zuerst begannen sie, Wasser vom Fluß abzuzweigen und ein ausgedehntes Bewässerungssystem anzulegen. Alle halfen mit, die Bewässerungsgräben zu graben und sie in Stand zu halten und so konnte die Bofedal-Fläche beträchtlich ausgedehnt werden. Außerdem zogen sie Zäune, so daß sie die Herden nicht mehr hüten mußten und begannen, den Mist der Tiere gezielt zum Düngen auszubringen. Wir zeigen uns gebührend beeindruckt. Während wir uns unterhalten, ist Felix Bruder, ein ernster schweigsamer Mann, zu uns gestoßen. Er ist einer der Organisatoren eines neuen Bewässerungsprojekts, das er uns zeigen möchte. Also schwingen wir uns wieder auf die Räder und fahren ins Bofedal hinab. Inzwischen sind wir so kaputt, daß wir jegliches Interesse an Weiden oder Bewässerungsgräben verloren haben, mir wird fast schwarz vor Augen, als ich hinter den drei Männern her keuche. Pflichtschuldig betrachten wir den Flußabschnitt, an dem die neuen Bewässerungsgräben angelegt werden sollen, noch ist hier nichts zu sehen. Felix malt uns die blühenden Landschaften, die hier entstehen sollen, in den schönsten Farben aus; sein Bruder sagt kein Wort. Dafür erklärt uns Felix ausführlich, daß sein Bruder den Würdenträger von Caripe gehört, daß er gute Verbindungen zur GTZ (der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, für die ich auch arbeite) hat, und eine wichtige Rolle in der Adventistengemeinde von Caripe spielt. Wir wackeln bewundernd mit den Köpfen, zu mehr sind wir kaum noch in der Lage. Immerhin bekommen wir von ihm eine Luftpumpe, mit der wir Angels Fahrrad aufpumpen können, bevor wir uns herzlich von Felix und seinem schweigsamen Bruder verabschieden und versprechen, bald wiederzukommen.

Die Landschaft im Sajama gliedert sich in vier Zonen. Links und rechts des Flusses, die die Ebene durchläuft und wie der Berg heißt, breitet sich das saftig grüne Bofedal aus. Es besteht aus niedrigen Polsterpflanzen und ist die Hauptnahrungsquelle der Lamas und Alpakas. Daran schließen sich weite Felder mit Büscheln des stacheligen Pacha-Grases an, das die Leute der Gegend in die Adobe-Ziegeln einarbeiten, um ihnen Stabilität zu verleihen. Dann kommen „los cerros“, die Hügel, eine etwas irreführende Bezeichnung, da sie sich bis auf über 5000 m hochziehen. Sie sind bestanden von Kenua-Wäldern (Polylepis tarapacana), diese Art erreicht im Sajama-Nationalpark 5200 m und ist damit der Baum, der weltweit die größte Höhe erreicht. Und dann kommt das Hochgebirge: Felsen, Eis und Schnee.

Als die Felix und sein Bruder außer Sichtweite sind, legen wir uns neben das zukünftige Bewässerungsprojekt und schlafen eine halbe Stunde. Allzu viel Zeit haben wir nicht, wir müssen nach Sajama gelangen, bevor die Luft aus Angels Vorderreifen wieder entwichen ist. Der Rückweg wird zu einer wahren Folter. Unsere Wasservorräte schwinden schnell, wir sind völlig erschöpft und unsere Herzen schlagen zum Zerspringen, weil sie mit der ungewohnten Höhe nicht fertig werden. Mit Müh und Not schaffen wir es nach Hause, wo wir sofort im Bett verschwinden.

„Gar nicht so schlecht für Gringos“ bekommen wir am nächsten Tag von den Parkwächtern zu hören. Sie erzählen uns, daß sie insgeheim schon damit gerechnet haben, uns irgendwo auf halber Strecke mit dem Jeep abholen zu müssen.

Als ich am nächsten Tag den Besuch Revue passieren lasse, frage ich mich, ob diese Leute die Hilfe der GTZ wirklich brauchen. Sie waren mir durchaus nicht wie orientierungslose Dämel vorgekommen, sie wußten genau, was sie für ihr Dorf erreichen wollten und hatten auch einen Plan, der teilweise sogar schon umgesetzt worden war. Felix und sein Bruder waren selbstbewußt und besonnen und schienen sehr stolz darauf zu sein, was sie schon geschafft hatten. Aber auf der anderen Seite konnte ich natürlich nicht beurteilen, in wie weit das auf die Programme der GTZ zurückzuführen ist…

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